Das ist der Hammer: Ein Truck ist schneller als alle Geländewagen – und das bei der härtesten Rallye Europas!

s44-45_NewsDas war eine verrückte Situation. Das niederländische Toyota-Team aus Valkenburg wartete im Zielraum auf die Konkurrenten, zitterte um den möglichen Gesamtsieg. Dabei parkte der Gesamtsieger schon geraume Zeit neben dem gelben Geländewagen. Es war ein Lastwagen! Damit hatte niemand gerechnet.

Allen auf und davon gefahren
Okay, der graue Unimog-Prototyp der deutschen Hellgeth-Brüder war von Anfang an schnell, kam teilweise mit mehr als drei Stunden Vorsprung vor dem nächsten Artgenossen ins Etappenziel. Aber dass er so «sauschnell» sein könnte, um neben 49 Trucks auch alle 148 Geländewagen zu «verblasen», damit hat dann doch niemand gerechnet. Am Ende war der Doppelturbo-Mittelmotor-Unimog sogar eine Stunde schneller als der schnellste Personenwagen und satte vier Stunden und 55 Minuten schneller als der nächste Truck.

Afrika-Feeling hochgekommen
Der Truck-Gesamtsieg bei der 14. Rallye Breslau, die in diesem Jahr zum zweiten Mal vor der weltberühmten Barockkulisse von Dresden startete, war der krönende Abschluss einer starken Woche. Viel versprechend schon der Prolog. Für ihn hatten die Planer ein Areal am Messegelände von Dresden auserkoren und einen Rundkurs gestaltet, der es in sich hatte. Steilkurven, Verschränkungs und Wasserlöcher liessen die vielen Tausend Zuschauer jubeln. Verrückt: ein Streckenteil führte durch eine alte Halle. «Rein geht ja noch. Aber wenn du da drin bist, siehst du die Ausfahrt nur als hellen, kleinen Punkt und hast Schiss, dass der Truck da überhaupt durchpasst», beschreibt ein Starter das mulmige Gefühl, Vollgas durch das ungewohnte Halbdunkel zu jagen. Es passte – und auch der Showstart vor erneut zahllosen Fans auf der historischen Augustusbrücke über der Elbe war wieder ein passender Rahmen für eine tolle Veranstaltung. Von hier aus ging es geradewegs in die Tropen. Das sind von Dresden aus gerade mal 130 Kilometer. Sponsor Tropical Islands in Brandenburg war Gastgeber eines Rundkurses, der angesichts der knallenden Sonne und des sandigen Terrains bei vielen Teilnehmern echte Afrika-Gefühle wachrief. Das verstärkte sich noch beim abendlichen Besuch der Tropen-Freizeitlandschaft in Europas grösser freitragender Halle.

Voll in die Radarfalle gelaufen…
Doch damit war auch der letzte touristische Teil der Rallye Breslau vorerst beendet. Hardcore war angesagt: Von hier aus ging es nach Polen, wo die allseits gefürchteten Pisten und Schlammlöcher warteten. Dabei hatten die Streckenscouts für die 14. Auflage der Rallye einige neue Abschnitte erschlossen – und neue Akzente gesetzt. So führte erstmals ein Teil einer Wertungsprüfung durch die Stadt Zagan. Pikante Note: Die Polizei hatte ein Radar installiert, blitzte jeden Starter. Das hinterliess mulmige Gefühle, waren sich die meisten Akteure nicht sicher, ob sie hier nun schnell fahren durften oder nicht. Die Aufklärung gab’s am Abend im Camp, als eine offizielle Abordnung den Teams die Blitzfotos überreichte und die jeweils Schnellsten jeder Klasse sogar mit einem Pokal auszeichnete. Bei den Trucks war das Team Niedergesäss mit dem Scania mit 117 km/h der schnellste Stadt-Sprinter. Gelungener Gag!

Spannende Duelle
Weniger spassig die sumpfigen Wiesen, die jetzt auf die Teams warteten. Wohl dem, der Erfahrungen im Umgang mit Winde und Seil hatte. Hinter dem späteren Gesamtsieger Hellgeth ging es knapp zu. Da ist entscheidend, wie schnell sich ein Team über oder durch ein Hindernis winchen kann und wie schnell das Seil aus der Winde aus- und wieder eingefahren werden kann. Lange schien es, als würde das Dauer- Duell der letzten Jahre zwischen dem letztjährigen Sieger Ostaszewski und dessen «Vorgänger im Amt», Udo Heidenreich, eine weitere Neuauflage erfahren. Doch dann fiel der Deutsche Unimog-Pilot zuerst wegen einer abgerissenen Fahrerhaus-Aufhängung zurück und dann mit Lenkungsbruch aus. Nun lautete das Duell Hellgeth versus Ostaszewski, wobei sich der graue «Raketen- Unimog» rasch vom polnischen Ural mit Volvo-Technik absetzen konnte. In die Rolle des Herausforderers schlüpfte nun das Team Niedergesäss mit dem Scania und führte das Duell zeitweilig Türgriff an Türgriff. Als einmal auf einer langen Geraden Peter N. das Lenkrad verschlug meinte Ostaszewski, der Cottbuser wolle ihm Platz machen, setzte zum Überholen an. Dabei übersah er eine Bodenwelle, krachte in einen Birkenwald, und eine abgebrochene Birke setzte sich auf der Ural-Haube fest. So zeitweilig erblindet, übersah der polnische Tiefflieger, dass die Strecke nach links abbog und knallte Vollgas weiter geradeaus. Wieder einmal machten sich Vater und Sohn Niedergesäss im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Staub. Dahinter machte Leon deWit, Truck-Dealer aus dem niederländischen Kolhorn am Ijsselmeer, mit seinem Mercedes-Benz SK richtig Dampf, verpasste das Podium in der Klasse über 7,5 Tonnen am Ende nur um knappe fünf Minuten.

Voll in die Gewehrmündung geguckt…
Eine Begegnung ganz anderer Art hatten die Zweitplatzierten Geschwister Brauwers, als sie plötzlich in den Lauf einer Maschinenpistole blickten. Sie waren auf dem Truppenübungsgelände leicht vom Kurs abgekommen, was einen unerfahrenen, jungen Soldaten zu erhöhter Nervosität trieb. Brauwers traten daraufhin den taktischen Rückzug an. Während die Hellgeths an der Spitze in einer eigenen Liga spielten, wurde es bei den grossen Trucks am Ende noch einmal richtig eng. Zur letzten Etappe hatte das Team Niedergesäss einen stattlichen Vorsprung auf Ostaszewski herausgefahren. Doch kurz vor einer fünf Kilometer langen Kompass-Passage fiel im Scania das GPS aus und die Ostdeutschen verfuhren sich in den nordpolnischen Wäldern. Am Ende war der Vorsprung bis auf 33 Minuten geschmolzen, der Sieg bei den «Dickschiffen» aber gerettet.

Unlautere Methoden?
Seltsam: Bei einigen Teams liessen Tabellen-Position und Verschmutzungsgrad nach der einen oder anderen Etappe Vermutungen über Abkürzungen und Hilfe von Aussen entstehen, während andere Teams sich strikt und fair an die Roadbook-Vorgaben hielten, auch wenn das erhebliche Zeitverluste bedeutete. Derlei mögliche unsportliche Machenschaften hat auch der neue polnische Organisationschef der Rallye nicht entkräften können. Er will dem ab dem nächsten Jahr mit einem GPS-gestützten Kontroll- und Wertungssystem entgegenwirken. Das wäre eine gute und Vertrauen bildende Massnahme. Dann könnte sichergestellt werden, diese besondere Mischung aus Hochleistungssport, Familientreffen und Party auch für die Zukunft zu erhalten. Vielleicht auch wieder einmal mit LWStartern aus der Schweiz. Die Zeit zwischen dem letzten Samstag im Juni und dem ersten Samstag im Juli 2009 ist jedenfalls in vielen Kalendern schon wieder fest vorgemerkt – für die 15. Auflage dieser einzigartigen Kult-Rallye!

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